Hindernisse des internationalen Handels im eCommerce

Tolle Nachricht heute auf heise.de: Brüssel nimmt den E-Commerce ins Visier. Das wird wirklich höchste Zeit. Ich unterstütze nun seit vielen Jahren Kunden im Bereich eCommerce und der internationale Verkauf von digitalen und nicht-digitalen Produkten ist eine Katastrophe. Ein paar Beispiele, die sich die EU wirklich mal annehmen sollte. Denn hier entsteht ein unproportionaler Aufwand, der sich nur für große Shops lohnt.

Steuer

Privaten Endkunden muss man die Preise in Brutto anzeigen, damit dieser nicht erst den Endpreis im Kopf ausrechnen muss. Das ist zwar eine schöne Idee, führt aber zu erheblichen Problemen. Warum: weil jedes Land unterschiedliche Steuersätze hat. Das hört sich jetzt nach einem kleinen Problem an, aber es ist in der Tat ein sehr großes Problem. Denn nicht nur Deutschland hat einen ermäßigten Steuersatz von 7%, andere Länder haben sowas auch. Doch damit nicht genug. Natürlich gilt der ermäßigte Steuersatz in den einzelnen EU-Ländern für unterschiedliche Produktarten. Und als wäre das nicht genug, gibt es in manchen EU-Ländern unterschiedliche ermäßigte Steuersätze für unterschiedliche Produktarten. Die EU liefert zwar eine umfangreiche Dokumentation dieser Steuersätze, aber wer schon einmal versucht hat, allein in Deutschland sicher festzustellen, wann ein Produkt einen ermäßigten Steuersatz bekommt und wann nicht, der weiß, dass die korrekte Auszeichnung ein enormer Aufwand ist. Und zwar nicht nur für die Shop-Software, welche unterschiedlichste Konstellationen unterstützen muss, sondern auch für den Shopbetreiber, der wissen muss, mit welchem Steuersatz jetzt dieses Produkt in jedem Land ausgezeichnet werden muss. Für kleinere Shops ist das nicht zu leisten. Also verkauft man nicht international.

Wie löst man das Problem heute? Heute ist das Problem dadurch lösbar, dass man international nur an gewerbliche Kunden mit Steueridentifikationsnummer verkauft. Dann kann man netto verkaufen, Sache erledigt.

Wie könnte man das Problem zukünftig lösen? Ich sehe hier drei Möglichkeiten:

  1. Man darf die Preise netto anzeigen. Der Kunde müsste also die Steuer seines Landes selber dazu rechnen. Ich sehe einen großen Vorteil darin, dass dadurch die Preise der Shops besser international vergleichbar sind und der Kunde auch die Transparenz bekommt, was noch an den Staat geht. Dass das Vorgehen funktioniert, zeigt die USA. Großer Nachteil: Beim Kauf wird die MwSt. trotzdem fällig, d.h. spätestens hier muss der Shopbetreiber informieren, welche Steuersätze anfallen. Da dies aber erst bei erfolgreichem Kauf stattfindet, ist der Aufwand deutlich geringer.
  2. Mein Favourit: die EU vereinheitlicht die MwSt.-Sätze. Das dürfte zwar grundsätzlich aufgrund unterschiedlicher Anforderungen der Länder schwierig sein, aber zumindest im Bereich Internet könnte man das harmonisieren. Der große Nachteil hier wieder: Offline- und Online-Preise sind schwer miteinander vergleichbar.
  3. Und noch einfacher: Die EU bietet endlichen einen Web-Service an, mit dem man für jedes Land und jede Produktart ganz einfach herausfinden kann, welche MwSt. fällig werden. Die dazu notwendigen Daten haben sie ja. Am besten verwendet man zur Klassifizierung dieselbe Produktkategorie, die jeder Shop für den Google Products-Export enthält. Dann gibt es nämlich auch keine Streitereien, ob ein Produkt jetzt ermäßigt sein darf oder nicht.

Last but not least: Natürlich darf man nicht vergessen, wo die MwSt. letztlich abgeführt werden muss. Seit diesem Jahr ist das nämlich – unter gewissen Umständen – das Land des Kunden. Und da muss man natürlich eine Steueridentifikationsnummer haben. Ein Mega-Bürokratiemonster. Wenn ich dann Zitate lese, dass es in manchen Ländern der EU inzwischen aufgrund des Sparzwangs nahezu unmöglich ist, ein Unternehmen zu gründen, dann will ich gar nicht an den Aufwand denken, der für eine Steueridentifkationsnummer notwendig ist. Das könnte man auch noch vereinfachen. Einfacher wäre, wenn die MwSt. an eine zentrale Behörde der EU abgeführt werden könnte, die die MwSt. dann entsprechend weiterleitet.

Rechtliches

Der zweite Grund, warum ausländische Privatkunden ungern in Shops behandelt werden: Der Shop muss die rechtliche Situation des Landes des Kunden beachten. Und wer an die Herausforderung der deutschen Rechtsprechung denkt (Versandkostenangaben in räumlicher Nähe zum Preis vor Einleitung des Bestellprozesses, Impressumsangaben, Bezeichnung des Kauf-Buttons, etc.), der weiß, was da für ein Aufwand dahinter steckt. Und dieser Aufwand soll dann für alle EU-Länder betrieben werden. Die Kosten für die Rechtsberatung müssen dadurch erstmal wieder rein kommen.

Heutige Lösung: Man verkauft nur an Geschäftskunden, denn hier gilt die rechtliche Situation des Shop-Betreibers.

Und wie könnte es sein? Auch hier sehe ich nur eine Möglichkeit: Die EU sollte rechtliche Vorgaben für Shops machen. Als Shop-Betreiber sollte es ausreichen, wenn ich mich an diese EU-Vorgaben halte. Es sollte mir als Shopbetreiber egal sein, wie die rechtliche Regelung in Spanien, Frankreich und Deutschland aussieht, solange ich mich an die EU-Vorgaben halte. Alles andere ist zu aufwendig, denn ich brauche Anwälte, die sich auf die rechtlichen Anforderungen des Ziellandes konzentrieren und das können sich nur große Shops leisten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.